Girona ist längst kein Geheimtipp mehr unter Rennradfahrern. Doch wer nur die flachen Küstenstraßen kennt, verpasst das wahre Herzstück dieser Region: ihre hügeligen Anstiege. Zwischen steilen Rampen und endlosen Serpentinen fordern sie jeden Beintyp. Dieser Guide führt Sie durch die anspruchsvollsten Steigungen rund um die katalanische Stadt – von versteckten Schotterpisten bis zu asphaltierten Klassikern, die Profis und Amateure gleichermaßen lieben. Sie erfahren, welche Pässe sich lohnen. Außerdem: wie Sie Anstiege strategisch einteilen, die richtige Übersetzung wählen und nach der Abfahrt die besten Espresso-Stopps finden. Machen Sie sich bereit für Hügel, die Ihren Puls steigen lassen – und für eine Region, die Sie nicht mehr loslassen wird.

Grundlagen und Anreise nach Girona

Wer hügelige Rennradstrecken sucht, die fordern und belohnen, findet in Girona ein Basislager von nahezu idealer Beschaffenheit. Die Stadt liegt rund 100 Kilometer nördlich von Barcelona, erreichbar per Flugzeug oder Hochgeschwindigkeitszug (AVE) in weniger als 40 Minuten vom Flughafen El Prat. Doch der eigentliche Vorteil ist die Topographie. Direkt hinter dem historischen Zentrum, zugänglich über die malerischen Onyar-Brücken, beginnt ein feinmaschiges Netz aus ruhigen, gut asphaltierten Sekundärstraßen. Diese führen ohne nennenswerte Transferfahrten in die Vorberge der Pyrenäen und der Gavarres. Man rollt quasi aus der Altstadt in den ersten Anstieg – ein Luxus, den wenige europäische Radregionen bieten. Die Straßen sind selbst unter der Woche erstaunlich wenig befahren, was an der katalanischen Fahrkultur liegt; der Respekt vor Radfahrern ist hier spürbar größer als in vielen anderen Mittelmeerregionen.

Für die ersten Tage empfehle ich eine bewusste Akklimatisierungsphase. Wer direkt aus dem Flachland anreist, sollte nicht am ersten Morgen den Rocacorba angehen – das führt selten zu Freude, oft zu Frust. Planen Sie stattdessen zwei lockere Ausfahrten auf flacherem Terrain, idealerweise entlang des Flusses Ter Richtung Sant Julià de Ramis oder auf den ruhigen Sträßchen um den Flughafen Girona-Costa Brava. Diese Einheiten dienen der Beingewöhnung und dem Materialcheck unter katalanischer Sonne. Die Temperaturen können selbst im Frühjahr rasch auf über 25 Grad steigen, was den Flüssigkeitsbedarf deutlich erhöht. Technisch entscheidend ist die Übersetzung: Für die steilen Rampen des Rocacorba (stellenweise über 20 Prozent) oder den Coll de Medes (mit langen, gleichmäßigen 9-Prozent-Abschnitten) ist eine kompakte Kurbelgarnitur mit 50/34 Zähnen dringend zu empfehlen. Kombinieren Sie diese mit einer Kassette großer Bandbreite (11-32 oder größer). Wer nur mit 39/28 fährt, wird an den härtesten Kehren unnötig kämpfen. Die Beläge sind gut, aber nie perfekt; ein Satz leichter Allround-Reifen mit 28 mm Breite bietet den besten Kompromiss aus Grip und Rollwiderstand. Nehmen Sie sich Zeit, prüfen Sie Bremsen und Schaltung – die Anstiege sind lang genug, um jede mechanische Schwäche gnadenlos zu bestrafen. Nach zwei entspannten Tagen sind Beine und Kopf bereit für das, was Girona bereithält.

Die klassische Els Angels-Runde

Streckenprofil und Anforderungen

Der Anstieg zum Santuario de los Ángeles ist die bekannteste und zugleich zugänglichste Herausforderung direkt vor Gironas Toren. Er beginnt praktisch am Stadtrand – ideal für eine intensive Trainingseinheit ohne lange Anfahrtswege. Auf etwa acht Kilometern steigt die Straße im Schnitt fünf bis sechs Prozent. Entscheidend ist jedoch der Charakter: bemerkenswert gleichmäßig, ohne böse Überraschungen oder abrupte Wechsel. Die Fahrbahn ist breit, der Belag gut, und die Kurven sind weit genug geschnitten, um jederzeit den Gegenverkehr zu sehen. Damit eignet sich die Els Angels-Runde perfekt, um die aerobe Ausdauer zu schulen oder im Gruppenrhythmus zu fahren. Ambitionierte Fahrer finden hier zudem ideale Bedingungen für Laktatschwellen-Intervalle, denn die Steigung lässt sich exakt in Abschnitte unterteilen. Rund 400 Höhenmeter erwarten dich – eine ernsthafte, aber nicht überfordernde Einheit.

Taktische Hinweise für die Auffahrt und die Abfahrt

Ein häufiger Fehler: die ersten zwei Kilometer zu schnell angehen. Der Einstieg wirkt sanft, doch im Mittelteil nimmt die Steigung spürbar zu – wer hier schon überdreht ist, zahlt später den Preis. Starte bewusst verhalten, mit 85 bis 95 Umdrehungen pro Minute, und finde erst nach dem dritten Kilometer deinen Rhythmus. Halte dich zudem stets rechts. Die Straße teilen sich Radfahrer, Wanderer und gelegentlich Autos; vor allem morgens ist mit Fußgängern am Straßenrand zu rechnen. Die Abfahrt Richtung Girona ist schnell und technisch anspruchsvoll. Mehrere enge Kehren lassen sich nicht einsehen. Der wichtigste Ratschlag: Bremse vor der Kurve, niemals in der Kurve selbst. Verlagere dein Gewicht nach hinten und außen, um die Haftung zu maximieren. Oben angekommen, belohnt ein Brunnen mit frischem Wasser; ein kleines Café lädt zur Pause mit Panoramablick auf die Stadt. An klaren Tagen reicht der Blick über die katalanische Ebene bis zu den Pyrenäen – ein Moment, der die Anstrengung vergessen lässt.

Rocacorba: Der härteste Anstieg der Region

Die brutale Realität der 12,5 Kilometer

Wer in Girona trainiert, kommt an Rocacorba nicht vorbei. Wer ehrlich zu sich selbst ist, fürchtet ihn. Der Anstieg beginnt unscheinbar im Dorf Canet d’Adri – doch nach den ersten Kehren wird klar: Hier gibt es keinen Flachkilometer, keine Verschnaufpause. Die Straße zieht mit 8,5 % im Schnitt fast ununterbrochen bergauf. Rampen jenseits der 15 %-Marke brechen jeden Rhythmus. Besonders tückisch sind die letzten drei Kilometer: Sie steigen unregelmäßig an und wechseln zwischen steilen Schotterpassagen und glatten Asphaltstücken, die nach Regen schnell rutschig werden. Hier entscheidet sich, ob du Rocacorba bezwingst – oder er dich. Die einzige Möglichkeit, diesen Abschnitt zu überstehen, ist, mit niedriger Trittfrequenz und maximaler Kraft aus dem Sattel zu gehen. Wer im Sitzen rollt, verliert an Geschwindigkeit und muss oft absteigen.

Strategien für die Bewältigung und die Rückkehr nach Girona

„Rocacorba ist kein Anstieg für einen gleichmäßigen Rhythmus – man muss ihn in Abschnitte zerlegen und jeden Kilometer einzeln abhaken.“ Dieser Satz stammt von einem lokalen Profi, der den Berg wöchentlich fährt. Er ist die einzige Strategie, die funktioniert. Teile die 12,5 Kilometer in drei mentale Blöcke: die ersten vier Kilometer zum Aufwärmen (so paradox das bei 10 % Steigung klingt), die mittleren fünf Kilometer mit wechselnden Rampen, die finalen 3,5 Kilometer als reine Schwerstarbeit. Plane für die Auffahrt mindestens 75 bis 90 Minuten reine Fahrzeit ein – nicht als Ziel, sondern als realistische Kalkulation. Schneller geht es nur, wenn du unter 60 Kilogramm wiegst oder ein Motor im Bein hast. Die Abfahrt zurück nach Girona ist technisch anspruchsvoll: Die Straße ist schmal, einige offene Kurven laden zu hohem Tempo ein, aber der Asphalt ist in den unteren Bereichen rissig und mit Schotter bedeckt. Fahre defensiv, bremse früh, halte dich von den Rändern fern. Wer hier stürzt, hat nicht nur den Berg verloren, sondern riskiert auch die nächsten Wochen Training. Nimm genug Wasser und Riegel mit – es gibt unterwegs keine Verpflegung, und die Rückfahrt ins Tal dauert länger als gedacht. Rocacorba belohnt die Respektvollen, nicht die Mutigen.

Besalú und das Fluvià-Tal: Rollige Hügel mit Geschichte

Wer in Girona startet und der N-260 Richtung Nordwesten entkommt, findet schnell, was er sucht: keine Monsteranstiege, sondern eine endlose Abfolge von Wellen, die dich ständig in Bewegung halten. Die rund 35 Kilometer nach Besalú sind ein einziges Auf und Ab, das deine Beine früh weckt. Kurze, steile Rampen von 6 bis 9 Prozent wechseln sich mit schnellen, rollenden Passagen ab, auf denen du Schwung holst. Die Straße schlängelt sich durch Korkeichenwälder und offene Felder; die Beläge sind überraschend gut – typisch für eine Region, wo Radsport Volkssport ist. Der Höhepunkt kommt nach etwa 28 Kilometern: eine lange, kurvenreiche Abfahrt ins Fluvià-Tal. Mit 50 bis 60 km/h geht es durch enge Kehren, und du solltest die Bremsen früh dosieren – der Blick auf die mittelalterliche Brücke von Besalú unten im Tal lenkt schnell ab. Wer die Abfahrt genießt, sieht die berühmte romanische Steinbrücke aus dem 12. Jahrhundert aus der Nähe, bevor er im Ort pausiert.

Der Rückweg nach Girona ist die eigentliche Prüfung. Was hinunter Genuss war, wird zurück zur Geduldsprobe. Kaum hast du Besalú verlassen, beginnt ein langer, gleichmäßiger Anstieg über mehrere Kilometer. Die Steigung liegt meist zwischen 4 und 6 Prozent – nie brutal, aber die Länge summiert sich. Hier zählt nicht Kraft, sondern Rhythmus. Dieser Anstieg ist perfekt für aerobe Tempodauerfahrten: Setz dich in einen ruhigen Tritt, halte die Herzfrequenz bei 75 bis 80 Prozent deiner maximalen Leistungsfähigkeit und rolle Kilometer für Kilometer ab. Die Straße zieht sich monoton – eine Chance, den Kopf abzuschalten und in den Fluss zu kommen. Erst nach etwa zehn Kilometern flacht das Gelände merklich ab; die letzten Kilometer nach Girona sind wieder rollig. Schnelle Abfahrt und lange Gegensteigung machen diese Runde zum idealen Trainingstag – anspruchsvoll genug, um zu fordern, aber fahrbar genug, um sie auch nach einem langen Arbeitstag zu bewältigen.

Sant Hilari Sacalm und der Coll de Revell

Der lange Weg zur Höhe: Profil und Charakter

Diese Strecke ist keine Bühne für explosive Antritte. Sie ist eine Schule der Geduld. Dein Ziel, der Coll de Revell auf etwa 700 Metern, ist nur die halbe Wahrheit – die eigentliche Prüfung folgt danach auf dem welligen Plateau nach Sant Hilari Sacalm. Von Girona aus zieht sich der Anstieg über rund 20 Kilometer mit konstanten 4 bis 6 Prozent. Keine Flachstücke, keine Verschnaufpause. Nur dieses gleichmäßige, unerbittliche Steigen, das dich zwingt, deinen Rhythmus zu finden und zu halten. Die Straße ist meist gut asphaltiert, führt durch Korkeichenwälder und offene Felder, und der Verkehr hält sich in Grenzen – abgesehen von den üblichen Sonntagsausflüglern.

Der Charakter ist trügerisch. Weil die Steigung selten über 6 Prozent klettert, verleitet das Profil zu einem zu schnellen Start. Doch nach zehn Kilometern meldet sich die Summe der Höhenmeter in den Beinen. Hier zählt nicht Kraft, sondern die Fähigkeit, lange Zeit eine hohe Trittfrequenz bei moderater Belastung zu halten. Du fühlst dich nie „oben“, bis du tatsächlich den Pass erreichst – das fordert den Kopf. Die Belohnung: ein atemberaubender Blick auf die Pyrenäen im Norden und die Küste im Osten, bevor es hinunter nach Sant Hilari geht.

Einbindung in ein längeres Trainingsprogramm

Diese Runde ist das perfekte Werkzeug für deinen langen, aeroben Grundlagenausdauer-Tag. Plane drei bis vier Stunden reine Fahrzeit ein und bleib konstant bei 60 bis 70 Prozent deiner maximalen Herzfrequenz. Der Coll de Revell eignet sich ideal für genau diese Intensität, ohne dass du in den roten Bereich gerätst.

Ambitionierte Fahrer kombinieren die Runde mit Els Angels. Start in Girona, zuerst Els Angels hoch und runter, dann der lange Weg über den Coll de Revell zurück. Das ergibt eine monumentale Runde von über 120 Kilometern mit mehr als 2.500 Höhenmetern – ein perfekter Test für Beine und Kopf vor einem Alpenurlaub oder einem langen Gran Fondo.

Bei der Abfahrt nach Sant Hilari gilt: volle Aufmerksamkeit. Die Straße ist schnell und breit, aber die Kurven wechseln zwischen offen und eng. Motorräder sind hier häufig unterwegs, Traktoren aus den umliegenden Höfen keine Seltenheit. Halte Abstand, bremse frühzeitig.

Oben in Sant Hilari findest du am zentralen Platz mehrere öffentliche Brunnen mit frischem Trinkwasser und einen kleinen Supermarkt, der bis in den späten Nachmittag geöffnet hat. Flaschen auffüllen, Obst, Brot oder Energieriegel kaufen – dann wartet die Rückfahrt nach Girona, ein verstecktes, welliges Vergnügen, das dich noch einmal fordert.

La Garrotxa und Olot: Vulkane und punchy Anstiege

Die Besonderheit der vulkanischen Hügellandschaft

Wer in Girona trainiert, kennt die langen, gleichmäßigen Pässe der Pyrenäen. Doch wer echte Explosivität und Kraftausdauer sucht, findet sie in der Garrotxa, rund um die Stadt Olot. Geologisch ist diese Region einzigartig: Über vierzig erloschene Vulkankegel prägen die Topografie. Für Rennradfahrer bedeutet das keine monumentalen Anstiege, sondern eine Achterbahnfahrt aus kurzen, steilen Rampen. Typisch sind Abschnitte von 300 bis 800 Metern Länge mit Steigungen zwischen 8 und 12 Prozent – oft mit knackigen Zwischenrampen. Diese “punchy” Anstiege zwingen dich immer wieder aus dem Sattel, fordern die Beine und belohnen eine hohe Antrittsschärfe.

Der entscheidende Vorteil dieser Landschaft ist ihre Ruhe. Asphaltierte Sträßchen winden sich durch dichte Buchen- und Eichenwälder, vorbei an moosbewachsenen Lavablöcken und alten Vulkankegeln, die oft mit einem Aussichtspunkt gekrönt sind. Der Verkehr ist minimal – du trainierst auf stillen Nebenwegen, perfekt für Intervallarbeit. Auf einer einzigen Runde kannst du zehn bis fünfzehn Mikro-Anstiege einbauen, ohne je eine lange, monotone Steigung zu wiederholen. Das ist ideales Training für Rennen mit welligem Profil oder für die entscheidende Attacke am Ende eines langen Tages.

Eine Beispielrunde durch die Vulkane

Olot ist ein idealer Ausgangspunkt. Von dort fährst du zunächst in Richtung Süden nach Santa Pau, einem mittelalterlichen Städtchen auf einem Hügel. Der Weg dorthin ist ein Vorgeschmack: kurze Rampen, gefolgt von schnellen, kurvigen Abfahrten, die dich in den nächsten Anstieg tragen. Von Santa Pau aus lohnt sich ein Abstecher zum berühmten Vulkan Santa Margarida, dessen Krater eine grüne Wiese beherbergt. Danach geht es nicht über die Hauptstraße zurück, sondern über kleine Verbindungsstraßen Richtung Westen, die sich durch die Hügelketten schlängeln.

Erwarte hier keine langen Pässe, sondern eine permanente Abfolge aus Beschleunigen, Bergauffahren und kurzen, technischen Abfahrten. Dieser ständige Wechsel hält den Puls hoch und trainiert die anaerobe Schwelle. Die Landschaft ist so einzigartig, dass du immer wieder anhalten wirst: schwarze Lavafelder, grüne Wälder, verstreute Bauernhöfe – spektakulär. Plane Zeit für Fotostopps ein, besonders an den Aussichtspunkten über den Kraterrändern. Die gesamte Runde ist eine der abwechslungsreichsten der Region um Girona und zeigt: Anspruchsvolle Rennradstrecken müssen nicht in den Bergen liegen.

Coll de Medes: Der unterschätzte harte Anstieg

Lage und genaues Profil bei Les Planes d’Hostoles
Wer in Girona trainiert, kennt Rocacorba – doch der Coll de Medes bleibt oft im Schatten, obwohl er mindestens genauso fordernd ist. Der Anstieg beginnt direkt am Ortsrand von Les Planes d’Hostoles, einem ruhigen Dorf etwa 25 Kilometer westlich von Girona. Die Auffahrt erstreckt sich über exakt 10 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 6 bis 7 Prozent – aber der Schnitt trügt. Anders als der wellige Rocacorba mit seinen kurzen, explosiven Rampen ist der Coll de Medes ein gleichmäßiger, monotoner Anstieg ohne echte Flachpassagen. Es gibt keine Verschnaufpausen, keine kurzen Abfahrten, die die Beine kurz entlasten – nur eine endlose, rote Asphaltlinie, die sich durch dichte Korkeichenwälder zieht. Die Straße ist sehr schmal, oft nur einspurig, und im Herbst liegt sie regelmäßig unter einer Schicht aus feuchtem Laub. Das erfordert nicht nur Kraft, sondern auch höchste Konzentration, besonders in den Kehren, wo die Traktion schnell zur Geduldsprobe wird.

Warum dieser Anstieg für fortgeschrittene Fahrer ideal ist
Der Coll de Medes ist kein Anstieg für Selbstzweifel. Er belohnt keine Antritte, sondern bestraft jede Schwäche im Tempo. Wer hier schnell fahren will, muss ein gleichmäßiges, hartes Tempo über die gesamten 10 Kilometer halten – ohne Sicht auf das Ziel, ohne Abzweigung, ohne Ablenkung. Die Steigung bleibt konstant, der Weg scheint endlos, und genau das macht den Reiz aus. Wie ein lokaler Fahrer treffend sagt: „Der Coll de Medes ist der perfekte Test für deine Fähigkeit, ein gleichmäßiges, hartes Tempo ohne Sicht auf das Ziel zu halten – reine Kopfsache und Beinkraft.“ Für fortgeschrittene Rennradfahrer ist er deshalb ideal als Einzelzeitfahr-Simulation: Setze dir ein Ziel auf dem Wattmeter oder der Uhr, und versuche, jede einzelne der 10 Minuten gleichbleibend hart zu fahren. Alternativ eignet er sich perfekt als Abschluss einer längeren Runde, wenn die Beine bereits müde sind und der Kopf entscheiden muss, ob er durchhält.

Ein großer Vorteil gegenüber den bekannteren Anstiegen der Region ist der Mangel an Verkehr und touristischer Ablenkung. Hier gibt es keine Wohnmobile, keine Selfie-Stopps, keine Radgruppen, die sich gegenseitig blockieren. Du bist allein mit der Steigung. Die Abfahrt auf der anderen Seite führt durch ruhige Dörfer wie Santa Pau und verbindet sich nahtlos mit Routen Richtung Banyoles – ideal für eine große Schleife, die dich über den Coll de Medes, die Seenplatte und zurück nach Girona führt. Wer also das Gefühl eines harten, ehrlichen Anstiegs ohne Show sucht, ist hier genau richtig.

Praktische Tipps für mehrtägige Touren und Navigation

Wer die hügeligen Rennradstrecken rund um Girona über mehrere Tage erkunden möchte, steht vor einer besonderen Herausforderung: Die Schönheit der Landschaft korreliert nicht mit der Ausschilderung. Auf den Nebenstraßen der Gavarres, der Rocacorba oder des Coll de Medes finden sich kaum Wegweiser. Viele Abzweigungen sind nur durch verwitterte Feldwege oder unscheinbare Asphaltübergänge markiert. Der erste und wichtigste Tipp lautet daher: Laden Sie sich vorab GPX-Dateien herunter und nutzen Sie ein Navigationsgerät oder eine robuste Fahrrad-App mit Offline-Karten. Ein Batteriepaket für das Handy ist dabei ebenso essenziell wie ein wasserdichtes Etui – Regen kann in den Bergen blitzschnell aufziehen.

Der zweite kritische Punkt ist die Verpflegung. In Dörfern wie Celrà, Sant Gregori oder Bescanó gibt es zwar oft Bars mit kaltem Wasser und Espresso, doch gerade im Hochsommer sind viele öffentliche Brunnen schlicht ausgetrocknet. Planen Sie Ihre Wasseraufnahme daher bewusst ein: Füllen Sie an jeder Gelegenheit nach, auch wenn Sie noch eine volle Flasche haben. Ein Liter pro Stunde bei Anstiegen ist keine Übertreibung. Wer zwischen März und Mai oder September und Oktober fährt, umgeht nicht nur die drückende Hitze, sondern auch den Großteil des touristischen Verkehrs, der sich im Juli und August auf den schmalen Sträßchen staut. Dennoch gilt: Eine Regenjacke gehört immer in die Trikottasche. Die Bergketten um Girona erzeugen ihre eigenen Mikroklimata – ein blauer Himmel über der Stadt kann am Coll de Medes in dichten Nebel übergehen.

Sicherheit hat oberste Priorität. Viele Straßen haben keine Bankette, und die Fahrbahnränder sind oft von Schlaglöchern oder losem Kies gesäumt. Fahren Sie defensiv, rechnen Sie mit Traktoren, die um Kurven schleichen, und mit Wildtieren, die in der Dämmerung die Fahrbahn kreuzen. Die lokalen Verkehrsregeln sind streng: Das Einhalten des Rechtsfahrgebots ist nicht verhandelbar, und das Überfahren von roten Ampeln wird auch in verwaisten Ortschaften kontrolliert. Ein gut sichtbares Rücklicht und eine laute Klingel sind keine Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität.

Für eine Woche mit unterschiedlichen Schwerpunkten empfiehlt sich eine klare Rhythmisierung: Wechseln Sie harte, explosive Tage – Rocacorba mit ihren steilen Rampen, Coll de Medes mit langen, gleichmäßigen Steigungen – mit langen, moderaten Ausfahrten ab, etwa nach Sant Hilari Sacalm, wo die Straßen fließender sind und man in gemütlichem Tempo Höhenmeter sammeln kann. Dazwischen bieten sich kurze, intensive Einheiten in der vulkanischen Landschaft von La Garrotxa an, wo wellige Hügel und scharfe Anstiege die Beine fordern, ohne sie zu zerstören. Planen Sie einen bewussten Ruhetag in Girona ein – nicht nur für die Waden, sondern auch für den Kopf. Ein Spaziergang durch die Altstadt, ein Kaffee an der Onyar und ein Blick auf die Kathedrale laden die Batterien neu auf. So strukturiert, wird die Woche zum Erlebnis, nicht zur Qual.