Girona ist längst mehr als eine mittelalterliche Stadt in Katalonien – sie ist das heimliche Mekka des Profiradsports. Weltklasse-Fahrer wie Geraint Thomas oder Remco Evenepoel bauen hier auf stillen Asphaltstraßen ihre Form auf. Während Touristen durch die Altstadt schlendern, rollen jeden Morgen schweigende Pelotons über Hügel, durch Olivenhaine, vorbei an Burgen und Flusstälern, die kaum ein Reiseführer kennt.

Dieser Guide nimmt dich mit auf die geheimen Trainingsrouten der Profis – von versteckten Anstiegen bis zu perfekt geteerten Abfahrten. Du erfährst, wo die Stars ihre Intervalle quälen, welche Cafés sie nach der Ausfahrt aufsuchen und wie du dich sicher in diese exklusive Welt aus Pedalen und Pulsuhren einklinkst. Egal ob mit Rennrad oder E-Bike – du kannst dieselben Strecken selbst befahren.

Am Ende wirst du wissen, warum Girona für jeden Radsportler mehr ist als eine Stadt: eine Lebenseinstellung auf zwei Rädern.

Warum Girona das Trainingsparadies der Profis ist

Wer an einem klaren Wintermorgen durch die Straßen rund um Girona rollt, versteht sofort, warum die Weltelite hier zu Hause ist. Die katalanische Stadt ist längst mehr als ein hübscher Ort für Wochenendausflüge – sie ist das heimliche Epizentrum des professionellen Straßenradsports in Südeuropa. Was macht dieses Fleckchen Erde so unwiderstehlich für Fahrer, die ihr Leben dem Pedal verschrieben haben?

Geografische und klimatische Vorteile

Girona liegt rund 100 Kilometer nördlich von Barcelona, zwischen den Ausläufern der Pyrenäen und der zerklüfteten Costa Brava. Diese Lage schafft ein Mikroklima, das für Radsportler schlicht ideal ist: milde Winter mit Temperaturen um die 12 bis 15 Grad, selten Frost, heiße, aber trockene Sommer. Während der Rest Europas im November im Nebel versinkt, drehen die Profis hier ihre lockeren Ausfahrten im Kurzarmtrikot. Entscheidend ist jedoch die Topografie. Die Stadt liegt auf einer weiten Ebene, doch schon nach wenigen Kilometern beginnen die Hügel. Innerhalb von zehn Minuten erreicht man Anstiege wie den berüchtigten „Rocacorba“ – eine 12 Kilometer lange Rampe mit Steigungen bis zu 18 Prozent, die selbst Tour-de-France-Sieger ins Schwitzen bringt. Die flachen Straßen Richtung Küste bieten gleichzeitig perfekte Bedingungen für Tempotraining und lange Grundlagenfahrten. Diese Kombination aus Flachland, welligem Hügelland und echten Bergpässen – alles innerhalb eines 30-Kilometer-Radius – ist in Europa nahezu konkurrenzlos.

Infrastruktur und Radsport-Kultur

Ohne ihre radsportliche Infrastruktur wäre Girona nicht das, was es ist. Die Region hat sich über Jahrzehnte auf die Bedürfnisse von Athleten eingestellt. Ruhige Nebenstraßen mit makellosem Asphalt winden sich durch Olivenhaine und Korkeichenwälder, motorisierter Verkehr ist auf diesen Routen eine Seltenheit. Cafés und Restaurants haben sich auf hungrige Fahrer spezialisiert, und in den Radsportläden der Altstadt bekommt man nicht nur Ersatzteile, sondern oft direkt den Tipp, wo heute die schnelle Gruppe abfährt. Die Dichte an Profis ist beeindruckend: Zahlreiche WorldTour-Teams, darunter bekannte Namen aus der Tour de France, haben hier ihren europäischen Stützpunkt. Viele Fahrer leben ganzjährig in den umliegenden Dörfern, andere nutzen Girona für mehrtägige Trainingslager. Diese Präsenz schafft eine einzigartige Atmosphäre: Man teilt sich die Straße mit den Besten der Welt, und genau das motiviert auch ambitionierte Amateure. Wer sich anschließen möchte, findet täglich Gruppenausfahrten auf unterschiedlichen Niveaus – von entspannten Kaffeefahrten bis zu hammerharten Intervall-Einheiten. Die ungeschriebenen Regeln sind einfach: Respekt im Windschatten, klare Kommunikation, und man ist schnell Teil der Gemeinschaft. Girona ist kein Ort zum Verstecken, sondern zum Lernen – und zum Träumen, dass man selbst vielleicht ein Stückchen näher an die Profis heranrückt.

Die berühmteste Herausforderung: Der Rocacorba

Streckenprofil und Anforderungen

Kein Besuch in Gironas Profi-Hochburg ist komplett ohne den Rocacorba. Der mythische Berg beginnt harmlos bei Sant Martí de Llémena, rund 20 Kilometer westlich der Stadt. Dann schlängelt sich die Strasse 12 bis 13 Kilometer hinauf – im Schnitt 5 bis 6 Prozent, bis zur Einsiedelei auf 900 Metern. Doch der Schnitt lügt. Die Steigung springt zwischen harten Rampen von 9 bis 11 Prozent und fast ebenen Passagen, wo du kurz Luft holst, bevor es wieder zwickt. Diese Unberechenbarkeit macht den Anstieg zum Formtest: Bist du bereit für die Härten der Profi-Etappen? Die schmale, teils rissige Strasse führt durch dichte Wälder – im Sommer angenehm schattig, im Frühling oft feucht und rutschig. Fahrer von UAE Team Emirates oder Jumbo-Visma trainieren hier regelmässig Intervalle, denn der Berg eignet sich perfekt für explosive Efforts.

Praktische Tipps für die Auffahrt

Starte vor 8 Uhr. Dann meidest du den spärlichen, aber unberechenbaren Verkehr und die Mittagshitze, die im Sommer über 30 Grad klettert. Nimm zwei Flaschen, ein paar Riegel und ein Notfall-Gel mit – es gibt unterwegs keine Brunnen, Bars oder Läden. Die einzige Wasserquelle ist ein kleiner Brunnen am Parkplatz unterhalb der Einsiedelei, und der sprudelt nicht immer. Für die Auffahrt selbst solltest du 50 bis 70 Minuten einplanen. Die Abfahrt ist heikel: Enge Haarnadeln, schnelle Geraden, wechselnder Belag – und manchmal stehen Schafe oder Ziegen mitten auf der Fahrbahn. Fahre defensiv, halte den Körper tief und nutze die volle Strassenbreite, aber nur, wenn du die Sicht beherrschst. Oben lohnt sich eine Pause: Das Gipfelkreuz bietet einen 360-Grad-Blick über die katalanische Ebene, die Pyrenäen im Norden und die Küste im Osten. Der Fotostopp ist kein Zeitverlust, sondern Ritual – fast jedes Profi-Foto aus Girona zeigt diesen Ausblick.

Der Els Àngels: Kurz, steil und ideal für Intervalle

Was diesen Anstieg besonders macht

Südlich von Girona erhebt sich der Els Àngels, auch als Santuario de los Ángeles bekannt. Auf den ersten Blick wirkt der Berg unscheinbar, doch in der Profiszene hat er einen festen Platz im Trainingsplan. Rund fünf Kilometer lang, mit gleichmäßigen fünf bis sechs Prozent Steigung, ist er deutlich kürzer und weniger brutal als der benachbarte Rocacorba – genau diese Kompaktheit macht ihn wertvoll. Lange Anstiege fordern Ausdauer und Rhythmus; der Els Àngels dagegen zwingt zu ständigem Wechsel zwischen Stehvermögen und explosiver Kraft. Viele WorldTour-Teams haben ihre Basis rund um Girona, und die Profis, die hier in der Saisonvorbereitung wohnen, nutzen ihn bevorzugt für harte Tempowechsel: kurze, intensive Antritte im Sitzen, bewusstes Rollenlassen, dann wieder Vollgas. Der gleichmäßige Asphalt und die übersichtlichen Kurven erlauben volle Konzentration auf die eigene Leistung, ohne ständig auf Verkehr oder Schlaglöcher zu achten. Dazu kommt der spektakuläre Blick auf die Pyrenäen, der nach jedem harten Abschnitt kurz mental entlastet – ein nicht zu unterschätzender Faktor, wenn du dich selbst an deine Grenzen bringst.

Trainingsmöglichkeiten und Varianten

Du kannst den Els Àngels als einzelnen, fokussierten Anstieg fahren – etwa als morgendliche Einheit von Girona aus, wo du nach zehn flachen Kilometern direkt am Fuße des Berges stehst. Wer mehr sucht, baut ihn in eine größere Runde ein, zum Beispiel kombiniert mit dem Rocacorba oder den Küstenstraßen Richtung Palamós. Die klassische Profi-Methode ist jedoch das Intervalltraining in Reinform: dreimal den Anstieg hinauf, mit voller Abfahrt dazwischen. Jede Auffahrt dauert bei normalem Tempo etwa 18 bis 22 Minuten – genug Zeit für zwei bis drei harte Antritte von jeweils drei bis fünf Minuten, gefolgt von lockerer Erholung auf der Abfahrt. Die Abfahrt selbst ist schnell und flüssig, mit weiten Radien und guter Sicht, sodass du sie als aktive Erholung nutzen kannst, ohne Risiko. Wichtig: Die Straße ist gut ausgebaut und breit, aber an Wochenenden fahren viele Ausflügler zum Santuario hoch – rechne mit Autos, Motorrädern und gelegentlich Wanderern am Straßenrand. Vor neun Uhr hast du die Strecke meist für dich. Wer ein längeres Intervall sucht, kann den Anstieg auch von der Nordseite angehen, die etwas steiler und rauer ist – weniger befahren, aber auch weniger gepflegt. Einsteiger sollten zuerst eine einzelne Auffahrt in moderatem Tempo machen, um die Steigungswechsel kennenzulernen, bevor sie sich an die Dreifach-Variante wagen. Die Infrastruktur am Gipfel mit dem Kloster und einem kleinen Café macht den Els Àngels zudem zum perfekten Ziel für eine strukturierte Trainingseinheit mit Belohnung am Ende – ganz im Sinne der Profis, die hier oft ihre härtesten Intervalle der Woche absolvieren.

Der Coll de Medes: Der lange Klassiker Richtung Küste

Route und Charakteristik

Der Coll de Medes ist der Anstieg, den man in Girona am häufigsten auf den Karten der Profis findet – aus gutem Grund. Er startet direkt am Stadtrand und führt über etwa zehn Kilometer Richtung Sant Feliu de Guíxols. Seine gleichmäßige, moderate Steigung macht ihn besonders: keine brutalen Rampen, keine plötzlichen Flachstücke, nur diese konstante, fast meditative Neigung. Perfekt, um lange und ruhig im Grundlagenbereich zu fahren, den Puls sauber aerob zu halten und Kilometer für Kilometer Ausdauer aufzubauen. Zuerst windet sich die Straße durch dichte Korkeichenwälder, dann öffnet sie sich zu offenen Hügeln mit weiten Blicken. Diese Abwechslung zwischen schattigen Passagen und sonnigen Aussichtspunkten macht den Coll de Medes zu einem der schönsten Anstiege der Region – ein Grund, warum viele WorldTour-Teams hier ihre langen Einheiten absolvieren.

Kombination mit Küstenabschnitten

Doch der Coll de Medes ist mehr als ein einzelner Anstieg. Die Profis nutzen ihn fast nie isoliert, sondern als Teil einer größeren, abwechslungsreichen Runde. Die klassische Kombination: hinauf, die kurvenreiche Abfahrt nach Sant Feliu de Guíxols genießen, dann auf die Küstenstraße Richtung Norden abbiegen. Diese führt direkt am Meer entlang, vorbei an kleinen Buchten und Fischerdörfern, mit flacheren Passagen, auf denen du wieder Tempo aufnehmen und in den Rhythmus kommst. So entsteht eine Runde, die alles bietet: einen langen, konstanten Anstieg, eine schnelle, technische Abfahrt und entspannte Kilometer am Wasser. Wachsam bleiben solltest du jedoch in den Ortschaften an der Küste. Besonders in Sant Feliu und den kleineren Dörfern dazwischen wird die Straßenführung enger, parkende Autos und Touristenverkehr machen die Spurführung unübersichtlich. Die Profis kennen diese Stellen genau und nehmen dort bewusst das Tempo heraus – ein Tipp, den du unbedingt übernehmen solltest, um sicher und entspannt zurück nach Girona zu rollen.

Der Coll de Sant Grau: Der unterschätzte Aufwärmer

Funktion im Profi-Alltag
Wer die Trainingsrouten der Profis rund um Girona studiert, stößt schnell auf einen Namen, der in keinem Reiseführer als Highlight auftaucht: der Coll de Sant Grau. Er liegt auf der schmalen, aber gut asphaltierten Straße von Girona hinauf zum beschaulichen Dorf Sant Gregori. Für die vielen WorldTour-Fahrer, die in der Stadt am Onyar leben, ist dieser Anstieg das tägliche Brot – oft als erste lockere Runde am Morgen, um die Beine nach einem Ruhetag wieder in Schwung zu bringen, oder als entspanntes Verbindungsstück zu den größeren Loops im Norden und Westen. Die Steigung ist moderat, meist zwischen vier und sechs Prozent, die Kurven weit genug, um im Rhythmus zu bleiben. Genau das macht den Sant Grau so wertvoll: Er zwingt dich nicht zu maximaler Leistung, sondern belohnt gleichmäßiges Treten. Der Belag ist erstaunlich griffig, selbst nach Regen, und der Verkehr hält sich in Grenzen – ein idealer Ort, um die Beine zu lockern, bevor man sich an die harten Rampen des Rocacorba oder des Els Angels wagt. Profis nutzen ihn oft als „aktive Erholung“: 45 Minuten im aeroben Bereich, mit ein paar kurzen Antritten auf den flacheren Abschnitten, um die Muskulatur zu aktivieren, ohne den Körper zu ermüden.

Einbindung in größere Runden
Der eigentliche Zauber des Sant Grau entfaltet sich jedoch erst in Kombination. Nach der Abfahrt Richtung Sant Gregori – kurvig und schnell, aber Vorsicht vor Schlaglöchern am Straßenrand – biegst du nicht links zurück nach Girona ab, sondern folgst der Beschilderung Richtung Rocacorba. Diese Verbindung ist ein offenes Geheimnis der Profiszene: zwei komplett unterschiedliche Anstiegscharaktere in einer einzigen Ausfahrt. Zuerst der gleichmäßige, fast meditative Sant Grau, der die Beine wach macht, dann nach einem kurzen Flachstück der brutale Rocacorba mit seinen steilen Rampen von bis zu 14 Prozent. Diese Abwechslung trainiert nicht nur die Kraft, sondern auch das mentale Umschalten zwischen verschiedenen Belastungszonen. Die Straßen zwischen den beiden Anstiegen sind ruhig und führen durch dichtes Grün und kleine Weiler. Einzige echte Gefahr: landwirtschaftlicher Verkehr. Traktoren und Erntefahrzeuge können plötzlich aus Feldwegen auftauchen, und der Belag ist manchmal mit Lehm oder Strohresten bedeckt. Fahre deshalb in der Abfahrt nie blind in eine Kurve, und halte genug Abstand zum rechten Rand. Wer diese Kombination einmal gefahren ist, versteht, warum die Profis hier ihre Grundlagenausdauer aufbauen – und du kannst es ihnen auf denselben Reifen nachtun.

Die flachen Ebenen: Endurance- und Tempotraining

Die Dörfer der Girona-Ebene

Wer Girona nur mit Hügeln verbindet, liegt falsch. Wenige Kilometer südlich erstreckt sich eine sanft gewellte Ebene – das Fundament jedes Profi-Trainingsplans. Rund um Fornells de la Selva, Cassà de la Selva und Llagostera formen ruhige Nebenstraßen die Beine der WorldTour-Fahrer. Abseits der Pyrenäen-Pässe findest du hier ein Netzwerk, das sich ideal für lange Grundlagenfahrten oder strukturierte Tempoarbeit eignet. Der Verkehr ist minimal, meist nur Traktoren oder andere Radsportler, und der Asphalt oft besser als auf Hauptverkehrsstraßen. Die Wege sind weitgehend flach, mit kaum spürbaren Steigungen, sodass du ein konstantes Tempo halten kannst. Stundenlang im Aerodynamik-Cockpit sitzen, Windschatten nutzen, Kilometer sammeln – ohne ständige Schaltarbeit. Die Dörfer selbst sind typisch katalanisch: kompakt, Kirche im Zentrum, ein paar Bars für einen schnellen Stopp.

Typische Trainingsformate auf der Ebene

Die Profis in Girona – von Klassikerspezialisten bis Grand-Tour-Fahrern – nutzen die Zone unterschiedlich. Montags, nach einem Rennwochenende, dienen die Ebenen für ruhige Ausfahrten mit niedrigem Puls und Geplauder. Unter der Woche verwandeln sich dieselben Straßen in eine Rennstrecke für harte Tempoblöcke: Gruppen in perfekter Linie, Windschatten, Tempowechsel alle paar Kilometer. Für ambitionierte Hobbyfahrer gibt es zwei bewährte Formate. Eine große Runde von 80 bis 120 Kilometern verbindet alle drei Dörfer und führt über Cassà de la Selva zurück nach Girona. Alternativ eignet sich ein Rundkurs von 10 bis 15 Kilometern um Llagostera für Intervalle – etwa 3x20 Minuten im Schwellenbereich mit kurzen Pausen. Versorgungspausen? In Cassà findest du einen Supermarkt direkt an der Hauptstraße, in Llagostera mehrere Bäckereien mit starkem Kaffee. Plane die Route so, dass du den Wind auf dem Rückweg im Rücken hast – der Tramuntana kann überraschend kräftig wehen und aus einer leichten Ausfahrt ein hartes Training machen.

Küstenstraßen und Wellen: Palamós bis Begur

Wer die Costa Brava aus dem Sattel erleben will, führt an der Küstenstraße von Palamós nach Begur kein Weg vorbei. Unter den Profis mit Winterquartier in Girona ist dieses Stück Asphalt ein heimlicher Favorit. Der Grund: welliges Terrain trifft auf atemberaubenden Meerblick, ohne dass man stundenlang im Flachen treten muss. In sanften Kurven schlängelt sich die Straße entlang der Steilküste; immer wieder öffnet sich der Blick auf türkisfarbene Buchten und pinienbewachsene Kaps. Für Radfahrer ein Geschenk – Rollen und Tempo wechseln, ohne sich mit schweren Anstiegen zu verausgaben.

Die GI-652 und GI-653 im Detail

Das Rückgrat der Route bilden die Landstraßen GI-652 und GI-653. Erstere führt von Palamós hinauf nach Vall-llobrega und weiter Richtung Mont-ras, letztere von dort nach Begur. Der Belag ist überwiegend gut, mit einigen rauen Stellen in den Kurven, die bei Nässe rutschig werden können – Vorsicht also an den ersten Regentagen im Herbst. Leicht hügelig ist das Profil, mit kurzen Rampen von 4 bis 6 Prozent, perfekt für Intervalltraining. Im Frühjahr trifft man hier oft auf Profi-Gruppen, die ihre Form für die Klassiker aufbauen. Der Verkehr hält sich in Grenzen, besonders von April bis Juni und September bis Oktober, wenn die Touristenströme abflauen. Im Hochsommer wird es an den Wochenenden voll; dann lohnt ein Start am frühen Morgen, bevor die Badegäste unterwegs sind.

Einbindung des Coll de la Ganga

Ein Geheimtipp, den die Profis gerne einweben, ist der Coll de la Ganga. Dieser kurze, knackige Anstieg zwischen Begur und Palafrugell hat es in sich: Auf etwa drei Kilometern steigst du mit Rampen bis zu 9 Prozent, bevor ein kurzes Flachstück belohnt. Ideal für explosive Antritte – oder als Test, wie deine Beine heute sind. Die gesamte Strecke lässt sich als Rundkurs ab Girona fahren: über den Coll de Medes hinunter an die Küste, entlang der Küstenstraße bis Palamós, und schließlich über den Coll de la Ganga zurück ins Inland. Ein langer Anstieg, welliges Küstenprofil, finales Kletterstück – so kombiniert sich das alles. Plane genug Zeit ein, nicht für die Distanz, sondern für die Aussichtspunkte. Am Mirador de la Punta d’en Pau bei Begur solltest du unbedingt anhalten; der Blick über die Bucht von Aiguablava ist unbezahlbar. Und wenn du die Wahl hast, nimm den Herbst: klarer Himmel, leere Straßen, und die Nachmittagssonne taucht die Küste in ein warmes Licht, das selbst die härtesten Anstiege vergessen lässt.

Netzwerke und Planung: So findest du deine eigene Route

Das System der GI-5xx und GI-6xx Straßen

Die Region Girona–Costa Brava ist von einem dichten Netz ruhiger Nebenstraßen durchzogen, offiziell klassifiziert als GI-5xx und GI-6xx. Sie bilden das heimliche Rückgrat des Profi-Trainingsalltags: wenig motorisierter Verkehr, überwiegend gut gepflegter Asphalt, und eine abwechslungsreiche Hügellandschaft, die sich ideal für Ausdauer- und Intervallfahrten eignet. Wichtig zu verstehen: Eine offizielle, ausgeschilderte „Profi-Trainingsstrecke“ gibt es nicht. Die Routenwahl hängt stark von der Saison, den Zielen des jeweiligen Teams und sogar vom Wind ab. Im Frühjahr geht es häufiger Richtung Küste, um sich auf die Klassiker vorzubereiten; im Herbst verlagern sich die Fahrten in die nördlichen Hügelketten mit ihren längeren Anstiegen. Du wirst also keine festen „Team-Straßen“ finden, sondern ein lebendiges Netz, das sich ständig verändert.

Praktische Planung für deine Trainingswoche

Wer sich als ambitionierter Hobbyfahrer in dieses System einklinken will, sollte die Planung ernst nehmen. Online-Karten mit Höhenprofilen und lokale Radsport-Foren sind deine besten Werkzeuge – viele Einheimische teilen dort ihre GPS-Tracks. Starte die Woche mit einer moderaten Runde von 60 bis 80 Kilometern, um die Besonderheiten der Straßen kennenzulernen, bevor du dich an die längeren Pässe wagst. Respektiere unbedingt die lokalen Verkehrsregeln; auf den schmalen Bergstraßen gilt gegenseitige Rücksichtnahme als oberstes Gebot. Ein Geheimtipp: Frag in den bekannten Radsport-Cafés in Girona-Stadt oder in den kleinen Hotels an der Costa Brava nach aktuellen Empfehlungen. Die Community ist offen und teilt gerne ihr Wissen über frisch asphaltierte Abschnitte oder Baustellen – Informationen, die in keiner App stehen.

Wichtige Grundregeln für dein Training in Girona:

  • Fahre immer mit ausreichend Wasser und Riegeln, da Versorgungspunkte auf den Anstiegen selten sind.
  • Starte früh, besonders im Sommer, um Hitze und Verkehr zu vermeiden.
  • Trage helle Kleidung und nutze Rücklichter, auch tagsüber.
  • Informiere dich über lokale Verkehrsregeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen.
  • Plane deine Routen mit einem GPS-Gerät oder einer App, da die Beschilderung der Nebenstraßen spärlich ist.

„Die besten Strecken in Girona sind nicht auf der Karte markiert – sie entstehen durch Erfahrung.“